Deutungen des Krishna-lila: Kaliya

Kaliyas BestrafungDie tausendköpfige Riesenschlange Kaliya repräsentiert boshafte Hinterlist und unerbittliche Grausamkeit, wofür es im Krishna-Bewusstsein keinen Platz gibt. Als Person finden wir Kaliya in Form von boshaften und heuchlerischen Übeltätern, welche die Absicht haben, die Gottgeweihten gegen Krishna zu vergiften; d.h. ihre Hingabe zu Krishna oder ihr Krishna-Bewusstsein zu zerstören.

Solcherart beschreibt Srila Bhaktisiddhanta Saraswati Thakura den Dämonen Kaliya in einem Artikel aus dem Harmonist (The Harmonist, Mai 1932). Er schreibt, dass es für die unschuldigen und gutherzigen Gottgeweihten schier unvorstellbar ist, dass es derart boshafte Schufte wie Kaliya gibt, deren Absicht es ist, sie gegen Krishna zu vergiften. Deswegen können sie unwissentlich zu deren Opfern werden. Doch der hasserfüllte Feind Krishnas hat die Rechnung ohne Krishna gemacht, der Seine Geweihten natürlich nicht im Stich lässt. Zwar mag es dem boshaften Kaliya gelingen, anfangs unter den Gottgeweihten Unglück und Ärger zu verursachen, indem er sie mit seiner eigenen boshaften Einstellung vergiftet, sobald er jedoch so überheblich geworden ist, eine direkte Attacke gegen Krishna zu machen, erscheint dieser, um den Glauben Seiner Geweihten erneut zu beleben und den Übeltäter zu bestrafen. Srila Bhaktisiddhanta schreibt, dass der Dienst für Krishna niemals jenen zugänglich ist, die eine heimtückische und boshafte Natur wie Kaliya haben, auch wenn sie in der  Welt der Atheisten und Heuchler für klug und gescheit gefeiert werden mögen. In Wirklichkeit sind sie Gauner und manchmal sind sie sogar so unverschämt, als Grundlage für ihr boshaftes Tun die heiligen Schriften zu missbrauchen, um Krishna von der Hingabe Seiner Geweihten zu trennen. Nachdem Kaliya von Krishna für seinen Stolz und seine zahllosen Vergehen bestraft worden ist, bereut er und wird dann aus Vrindavana verwiesen. Krishna gewährt Kaliya in Seinem Großmut zwar Schutz und macht ihn in einem gewissen Sinn sogar zu Seinem widerwilligen Verbündeten, gibt ihm jedoch nicht die Erlaubnis, in die Gemeinschaft der Gottgeweihten aufgenommen zu werden.

Ausschnitt aus "Krishna - Der Höchste Persönliche Gott", Kapitel 15 und 16:

Manchmal ging Krishna zusammen mit Seinen Freunden und Balarama hinaus, und manchmal ging nur Er mit Seinen Freunden zum Ufer der Yamuna, um dort die Kühe zu hüten. Allmählich kam der Sommer näher, und als die Kuhhirtenjungen und Kühe eines schönen Tages wieder auf der Weide waren, verspürten sie großen Durst, weshalb sie zur Yamuna liefen, um ein wenig Wasser zu trinken. Der Fluss jedoch war von dem Gift einer riesigen Schlange, die als Kaliya gefürchtet war, vergiftet worden. Das Wasser war so giftig, dass sich bei den Jungen und den Kälbern bald die Wirkungen bemerkbar machten. Ganz plötzlich fielen sie, offensichtlich tot, zu Boden. Doch sogleich warf Krishna, der das Leben allen Lebens ist, einfach Seinen barmherzigen Blick über sie, worauf die Jungen und die Kühe ihr Bewusstsein wiedererlangten und einander mit großem Erstaunen ansahen. Sie ahnten, dass sie durch das giftige Wasser der Yamuna gestorben waren, und dass sie durch den barmherzigen Blick Krishnas ihr Leben wiedererlangt hatten. Auf diese Weise erfuhren sie die Wirkung der mystischen Kraft Krishnas, der als Yogesvara, der Herr aller mystischen yogis, bekannt ist.
[...]
Der Fluss Yamuna bildet an einer Stelle einen großen See, und in diesem See hatte sich Kaliya eingenistet. Von dem Gift der Schlange war die ganze Umgebung so verseucht, dass unablässig giftige Dämpfe aufstiegen. Flog zufällig ein Vogel über den See, stürzte er augenblicklich ins Wasser und verendete. Durch die giftigen Dämpfe der Yamuna waren alle Bäume und Gräser an den Flussufern abgestorben. Sri Krishna sah die Verheerung, die das Gift der großen Schlange angerichtet hatte: Der ganze Fluss vor Vrindavana war ein totes Gewässer. Krishna, der erschienen war, um alle störenden Elemente auf der Welt zu beseitigen, kletterte daraufhin sofort auf einen großen kadamba-Baum, der am Ufer der Yamuna stand. Die kadamba ist eine runde, gelbe Blüte, die nur im Gebiet von Vrindavana zu finden ist. Nachdem Er die Krone des Baumes erklommen hatte, band Er Sein Gürteltuch fester, und während Er wie ein Ringkämpfer Seine Arme schwang, sprang Er weit in den giftigen See hinein. Der kadamba-Baum, von dem Krishna sprang, war der einzige Baum, der nicht abgestorben war. Einige Kommentatoren der Veden sagen, der Baum sei auf der Stelle lebendig geworden, als er von den Lotosfüßen Krishnas berührt wurde; in manchen Puranas dagegen steht, dass Garuda, der ewige Träger Visnus, wusste, dass Krishna Kaliya töten würde, und dass er aus diesem Grunde etwas Nektar auf den Baum träufelte, um ihn am Leben zu erhalten.
Als Krishna in das Wasser hineinsprang, trat der Fluss über seine Ufer, als wäre etwas sehr Großes und Schweres hineingefallen. Dieses Zeichen der Kraft Krishnas ist im Grunde nicht erstaunlich, denn Er ist ja die Quelle aller Kräfte.
Krishna schwamm wie ein großer, starker Elefant im Fluss umher und verursachte dadurch ein gewaltiges Getöse, das bis an die Ohrlöcher der gewaltigen Kaliya-Schlange drang. Die aufgeschreckte Schlange wusste, dass der Lärm nur eines bedeuten konnte: Jemand wagte einen Angriff auf ihre Behausung. Weil sie die freche Störung nicht dulden konnte, zeigte sie sich augenblicklich vor Krishna. Überrascht gewahrte Kaliya die überaus köstliche Schönheit Krishnas. Seine Hautfarbe glich der Tönung einer Gewitterwolke, und Seine Beine waren wie Lotosstengel. Er war mit dem srivatsa-Zeichen und mit Juwelen geschmückt und in ein gelbes Gewand gekleidet. Ein Lächeln spielte auf Seinem lieblichen Gesicht, während Er Sich mit kraftvoller Gewandtheit im Yamuna-Fluss bewegte. Doch trotz der wunderschönen Erscheinung Krishnas fühlte Kaliya grimmigen Ärger in seinem Herzen, und deshalb schnellte er auf Krishna zu und packte Ihn mit seinen mächtigen Fängen. Die Kuhhirtenjungen und die anderen Bewohner Vrindavanas, die voller Liebe zu Krishna waren, sahen das Unglaubliche - Krishna in der tödlichen Umklammerung der Schlange -, und lähmendes Entsetzen überfiel sie. Alles, was sie besaßen, hatten sie Krishna hingegeben - ihre Zuneigung, ihr Eigentum, ihre Handlungen, ihr ganzes Leben -, und als sie Ihn in dieser Lage sahen, sanken sie von Furcht überwältigt zu Boden. Die Kühe, die Stiere und die kleinen Kälber hielten voller Verzweiflung nach Krishna Ausschau, doch sie konnten in ihrer Angst nur bitterlich weinen und standen bewegungslos am Ufer, unfähig, ihrem geliebten Krishna zu helfen.
Während dieser Geschehnisse am Ufer der Yamuna waren unheilvolle Zeichen zu sehen. Die Erde bebte, Meteore fielen vom Himmel, und die Körper der Menschen erschauerten. All dies sind Anzeichen einer schrecklichen, unmittelbaren Gefahr. Als die Kuhhirten und auch Maharaja Nanda und Mutter Yasoda die düsteren Zeichen wahrnahmen, wurden sie von großer Besorgnis erfüllt, besonders da sie erfuhren, dass Krishna ohne Seinen älteren Bruder Balarama zu den Weidegründen gegangen war. Diese Nachricht steigerte ihre Angst nur noch mehr. In ihrer großen Zuneigung für Krishna wurden sie, die sie sich über das Ausmaß der Energien Krishnas nicht bewusst waren, von Kummer und Besorgnis übermannt, denn nichts liebten sie mehr als Krishna, und sie waren bereit, alles für Ihn zu geben - ihr Leben, ihren Besitz, ihre Zuneigung, ihre Gedanken und ihre Handlungen. Weil sie so sehr an Krishna hingen, dachten sie, "heute ist Krishna bestimmt etwas passiert!", und gemeinsam verließen die Bewohner von Vrindavana das Dorf, um Krishna zu suchen. Die Schar bestand aus Kindern, jungen und alten Männern, Frauen, Tieren und allen Arten von Lebewesen; sie wussten, dass Krishna ihr einziger Beschützer war. Während dieser Vorgänge stand Balarama, der Meister allen Wissens, ruhig lächelnd dabei. Er wusste, wie mächtig Sein jüngerer Bruder Krishna war, und dass es keinen Grund zur Aufregung gab, wenn dieser mit einer gewöhnlichen Schlange der materiellen Welt kämpfte. Deshalb unternahm Er persönlich nicht das geringste. Aber die Bewohner Vrindavanas suchten um so verzweifelter nach Krishna, indem sie Seinen Fußspuren auf dem weichen Boden folgten, die durch bestimmte Zeichen erkenntlich waren, und nach einiger Zeit erreichten sie schließlich das Flussufer, wo sie die Kühe und die Knaben weinen sahen, weil sie hilflos zusehen mussten, wie die schwarze Schlange Krishna in ihrer Umklammerung zu erdrücken versuchte. Das steigerte die Angst der Bewohner Vrindavanas nur noch mehr. Während Balarama lächelnd zusah, wie sie wehklagten, tauchten die Einwohner von Vrajabhumi in ein Meer des Jammers ein, denn sie dachten, nun sei es um Krishna geschehen. Obwohl die Einwohner von Vrindavana nicht viel über Krishna wussten, kannte ihre Liebe zu Ihm keine Grenzen. Sobald sie Krishna in der Umklammerung der Schlange Kaliya und die Jungen und Kühe am Ufer klagen sahen, konnten sie nur noch an Krishnas Freundschaft denken, an Sein lächelndes Gesicht, Seine süßen Worte und ihre Erlebnisse mit Ihm. Während sie sich so erinnerten und glaubten, Krishna befinde Sich nun in der Gewalt Kaliyas, schienen ihnen die drei Welten öde und leer geworden zu sein. Auch Sri Caitanya sagte später einmal, dass Ihm in Seiner Trennung von Krishna alle drei Welten trostlos und leer erschienen. Das ist die höchste Stufe des Krishna-Bewusstseins. Fast alle Einwohner von Vrindavana hatten die höchste Ekstase, die Liebe zu Krishna, erreicht.
Mutter Yasoda wollte sich, als sie herbeigelaufen kam, sofort in den Yamuna-Fluss stürzen, und fiel in Ohnmacht, als man sie daran hinderte. Andere, die ebenso verzweifelt waren, weinten so sehr, dass ihnen die Tränen wie Regengüsse oder Wasserfälle aus den Augen strömten, aber um Mutter Yasoda wieder zu Bewusstsein zu bringen, sprachen sie mit lauter Stimme über die transzendentalen Spiele Krishnas. Mutter Yasoda jedoch regte sich nicht, als sei sie tot, denn ihr ganzes Bewusstsein war auf das Gesicht Krishnas konzentriert. Nanda und die anderen Hirten, die alles, selbst ihre Leben, Krishna hingegeben hatten, wollten sich ebenfalls in das Wasser der Yamuna begeben, doch Balarama hinderte sie daran, denn Er besaß vollkommenes Wissen, und so wusste Er, dass keine Gefahr drohte.
Zwei Stunden lang blieb Krishna im Griff der Würgearme Kaliyas und verhielt Sich wie ein gewöhnliches Kind, doch als Er sah, dass alle Einwohner von Vrindavana - Seine Mutter und Sein Vater, die gopis, die Jungen und die Kühe - nahe daran waren, ihr Leben aufzugeben, und dass sie nichts anderes mehr vor dem unmittelbaren Tod bewahren konnte, befreite Er Sich augenblicklich. Er straffte Seinen Körper, und als die Schlange versuchte, Ihn festzuhalten, spürte sie einen starken Druck, der sie bald zwang, die Umklammerung zu lockern, so dass ihr schließlich keine andere Möglichkeit blieb, als den Höchsten Persönlichen Gott, Krishna, aus ihrem Griff zu entlassen. Daraufhin geriet Kaliya in rasende Wut, und seine Hauben blähten sich auf. Giftige Dämpfe stieß er aus seinen Nüstern, seine Augen loderten wie Feuer, und Flammen züngelten aus seinem Schlund. Für kurze Zeit verhielt er und beobachtete Krishna in unbeweglicher Haltung. Die Lippen mit gespaltenen Zungen leckend, beäugte die vielköpfige Schlange Krishna mit giftigem Blick. Krishna jedoch ging blitzschnell auf sie los, ähnlich wie Garuda, wenn er auf eine Schlange herabstößt. Kaliya suchte, als er so unversehens angegriffen wurde, nach einer Gelegenheit, Krishna zu beißen, aber dieser schwamm in schnellen Kreisen um ihn herum, so dass Kaliya Ihn nicht fangen konnte. Während Kaliya Krishna im Kreise jagte, ermüdete die Schlange allmählich, und es war zu bemerken, dass ihre Kraft beträchtlich nachließ. Krishna drückte nun geschwind einen der Schlangenköpfe herunter und sprang auf ihn. Die Lotosfüße des Herrn wurden durch die Strahlen, die von den Juwelen auf den Schlangenhäuptern ausgingen, rot gefärbt. Dann begann Krishna, der ursprünglich Künstler aller schönen Künste, zu denen auch das Tanzen gehört, auf den Häuptern der Schlange zu tanzen, obwohl ihre vielen Köpfe sich ständig hin und her bewegten. Als die Halbgötter auf den höheren Planeten dies sahen, ließen sie Blumen vom Himmel regnen, schlugen ihre Trommeln, spielten auf vielerlei Flöten und sangen viele Lieder und Gebete. Auf diese Weise zeigten die Bewohner des Himmels wie die Gandharvas, Siddhas und andere Halbgötter ihre Freude.
Während Krishna auf den Köpfen der Kaliya-Schlange tanzte, versuchte sie ständig, Ihn mit einem ihrer Köpfe herunter zu stoßen. Kaliya besaß zwar ungefähr einhundert Köpfe, aber Krishna behielt sie alle unter Kontrolle. Er fing an, Kaliya mit Seinen Lotosfüßen zu treten, und das war mehr, als die Schlange ertragen konnte. Allmählich war Kaliya so weit, dass er nur noch um sein nacktes Leben kämpfte. Er spie üblen Geifer und stieß sengende Feuerflammen aus. Während er giftige Substanzen aus seinem Inneren hervorwürgte, verringerten sich die Reaktionen auf seine Sündenlast. Mit verzweifelter Wut kämpfte er um sein Leben, während er immer wieder versuchte, einen seiner Köpfe zu erheben, um den Herrn zu töten. Der Herr aber bemerkte sofort jeden Versuch und verhinderte ihn, indem Er beim Tanzen gegen den Kopf trat. Im Grunde glich die Szene mehr und mehr einer Verehrung des Höchsten Persönlichen Gottes Sri Visnu, und das Gift, das dem Rachen der Schlange entströmte, ähnelte einer Blumenopferung. Bald jedoch begann Kaliya, statt Gift Blut zu spenden; er war völlig erschöpft, und sein ganzer Körper schien von den Tritten des Herrn wie zerbrochen. In seinem Inneren aber begann er allmählich zu verstehen, dass Krishna der Höchste Persönliche Gott ist, und so ergab er sich Ihm schließlich. Kaliya erkannte, dass Krishna, der Höchste Gott, der Meister aller Meister ist.
Als die Frauen Kaliyas, die Nagapatnis, sahen, dass ihr Mann durch die Fußtritte des Herrn, in dessen Körper das gesamte Universum ruht, bezwungen war, schickten sie sich an, den Herrn zu verehren, wobei ihnen in der Eile Kleidung, Haar und Schmuck durcheinandergerieten. Auch sie ergaben sich dem Höchsten Herrn und machten sich daran, Ihm ihre Gebete darzubringen. Sie erschienen vor Ihm, ihre Kinder vor sich herschiebend, und erwiesen Ihm mit Ehrfurcht ihre respektvollen Ehrerbietungen, indem sie am Ufer der Yamuna vor Ihm zu Boden fielen. Die Nagapatnis wussten, dass Krishna die Zuflucht aller hingegebenen Seelen ist, und sie wollten ihren Mann vor der drohenden Gefahr einer harten Bestrafung bewahren, indem sie den Herrn mit ihren Gebeten erfreuten.
Die Nagapatnis sprachen: "O lieber Herr, Du bist jedem gleichgesinnt. Für Dich gibt es keinen Unterschied zwischen Söhnen, Freunden oder Feinden. Deshalb hast Du auch mit der Bestrafung, die Du Kaliya gütigerweise erteilt hast, völlig gerecht gehandelt. O Herr, Du bist mit der besonderen Absicht erschienen, alle störenden Elemente auf der Welt zu vernichten, und weil Du die Absolute Wahrheit bist, gibt es keinen Unterschied zwischen Deiner Barmherzigkeit und Deiner Strafe. Wir wissen daher, dass die Bestrafung Kaliyas im Grunde eine Segnung ist. Wir betrachten Deine Strafe als große Gnade für uns, denn man muss wissen, dass, wenn Du jemanden bestrafst, die Reaktionen auf seine sündigen Handlungen getilgt werden. Es ist uns völlig klar, dass das Geschöpf, das hier im Körper einer Schlange vor uns schwimmt, früher ungeheuer viele Sünden auf sich geladen haben muss; denn warum sonst musste es den Körper einer Schlange annehmen? Durch das Tanzen auf seinen Köpfen hast Du alle Reaktionen auf sein sündhaftes Handeln vernichtet, zu denen er verleitet wurde, weil er den Körper einer Schlange besitzt. Es ist deshalb ein großes Glück, dass Du zornig geworden bist, und ihn auf diese Weise bestraft hast. Doch wundern wir uns sehr, dass Du so gütig zu Kaliya bist; er muss Dich wohl in seinen früheren Leben durch vielerlei religiöse Handlungen erfreut haben. Die Bußen und Entsagungen, die er auf sich nahm, müssen sogar so groß gewesen sein, dass jeder ihn dafür rühmte, und er muss wohltätige Werke zum Wohl aller Lebewesen vollbracht haben."
Die Nagapatnis bestätigen hier, dass man nicht mit Krishna in Verbindung kommen kann, ohne Ihm in seinen früheren Leben hingebungsvoll und fromm gedient zu haben.
Wie Sri Caitanya in Seinen Sri Siksastaka rät, muss man hingebungsvolles Dienen praktizieren, indem man demütig den Hare-Krsna-mantra chantet, sich niedriger dünkend als das Stroh in der Gasse und niemals Ehre für sich selbst erwartend, doch immer bereit, allen anderen Ehre zu erweisen. Die Nagapatnis fragten sich, wie es möglich sein konnte, dass Kaliya einerseits als Folge schwerer sündiger Handlungen den Körper einer Schlange erhalten hatte und andererseits mit dem Herrn in Verbindung kommen konnte, ja sogar von den Lotosfüßen des Herrn berührt wurde. Zweifellos konnte es sich hierbei nicht um gewöhnliche Ergebnisse auf fromme Werke handeln. Diese beiden widersprüchlichen Tatsachen verwunderten sie also, und deshalb beteten sie: "O Herr, wir sind verwundert, dass Kaliya so vom Glück begünstigt ist, dass er den Staub Deiner Lotosfüße auf seinem Kopf tragen darf. Dieses Glück ersehnen sich große Heilige, und selbst die Göttin des Glücks nahm harte Entsagungen auf sich, um mit dem Staub Deiner Lotosfüße gesegnet zu werden. Wie kommt es also, dass Kaliya diesen Staub so leicht erhielt? Wir haben aus maßgeblicher Quelle gehört, dass jene, die mit dem Staub Deiner Lotosfüße gesegnet sind, nicht einmal die höchste Daseinsform innerhalb dieses Universums, das Leben als Brahma, erstreben, und dass sie sich auch nicht nach der Herrschaft über die Erde sehnen. Solche Menschen begehren nicht, über die himmlischen Planeten zu herrschen, die sich über dieser Erde befinden, wie z. B. Siddhaloka, noch begehren sie mystische Kräfte, die man durch bestimmte yoga-Übungen erhält. Auch versuchen die reinen Gottgeweihten nicht, durch Befreiung eins mit Dir zu werden. Herr, obwohl Kaliya in einer Lebensform geboren wurde, die von den abscheulichsten Erscheinungsweisen der materiellen Natur bestimmt wird, begleitet von der Eigenschaft des Ärgers, hat dieser König der Schlangen etwas erreicht, was man nur äußerst selten erlangt. Die Lebewesen, die innerhalb des materiellen Universums von Planet zu Planet wandern und eine Lebensform nach der anderen annehmen, können allein durch Deine Barmherzigkeit sehr leicht die höchste aller Segnungen erhalten."
Im Sri Caitanya-caritamrta wird bestätigt, dass die Lebewesen im materiellen Universum von einer Lebensform zur anderen wandern, dass aber durch die Barmherzigkeit Krishnas und des geistigen Meisters der Same des hingebungsvollen Dienens in ihnen aufgehen und damit der Pfad zur Befreiung geebnet werden kann.
Die Nagapatnis fuhren fort: »Wir bringen Dir unsere respektvollen Ehrerbietungen dar, lieber Herr, denn Du bist die Höchste Person, der Du als die Überseele in jedem Lebewesen wohnst; obwohl Du transzendental bist zur kosmischen Manifestation, ruht alles in Dir. Du bist die personifizierte, unüberwindliche ewige Zeit. Die gesamte Zeitenergie existiert in Dir, und daher bist Du der Beobachter und die Verkörperung der gesamten Zeit, die wahrgenommen wird in Form von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Monaten, Tagen, Stunden, Augenblicken. Mit andern Worten, o Herr, Du kannst in vollkommener Weise alle Ereignisse sehen, die sich in jeder Sekunde, in jeder Stunde, an jedem Tag, in jedem Jahr, in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ereignen. Du Selbst bist die universale Form, und dennoch bist Du verschieden von diesem Universum. Du bist gleichzeitig eins mit und verschieden von ihm. Wir bringen Dir deshalb unsere respektvollen Ehrerbietungen dar. Du Selbst bist das gesamte Universum und dennoch bist Du der Schöpfer des Universums. Du bist der Kontrollierende und der Erhalter des Universums, und Du bist seine ursprüngliche Ursache. Obwohl Du in diesem Universum durch Deine drei qualitativen Inkarnationen, Brahma, Visnu und Mahesvara, Siva, gegenwärtig bist, bist Du dennoch transzendental zur materiellen Schöpfung. Obwohl Du die Ursache für das Erscheinen aller Arten von Lebewesen bist - samt ihrer Sinne, ihres Lebens, ihres Geistes und ihrer Intelligenz -, bist Du nur durch Deine innere Energie zu erkennen. Wir wollen Dir daher unsere respektvollen Ehrerbietungen darbringen, der Du unbegrenzt, feiner als das Feinste, das Zentrum der gesamten Schöpfung und der Allwissende bist. Viele verschiedene spekulierende Philosophen versuchen, Dich zu erreichen. Du bist das letzliche Ziel aller philosophischen Bemühungen, und im Grunde bist Du es, den alle Philosophien und die verschiedenen Lehren beschreiben. Wir wollen deshalb Dir unsere respektvollen Ehrerbietungen erweisen, denn Du bist der Ursprung aller Schriften und die Quelle des Wissens. Du bist die Wurzel aller Beweise und Du bist die höchste Person, die uns das höchste Wissen geben kann. Du bist die Ursache aller Arten von Verlangen und Du bist die Ursache jeglicher Zufriedenstellung. Du bist die Veden in Person. Deshalb bringen wir Dir unsere respektvollen Ehrerbietungen dar. O lieber Herr, Du bist der Höchste Persönliche Gott, Krishna, und Du bist auch der höchste Genießer, der Du nun als der Sohn Vasudevas, einer Manifestation des reinen Zustandes der Güte, erschienen bist. Du bist die über den Geist und Pradyumna und Aniruddha, die Intelligenz herrschenden Gottheiten, und Du bist der Herr aller Vaisnavas. Durch Deine Erweiterung als caturvyuha - als Vasudeva, Sankarsana, Aniruddha und Pradyumna - bist Du die Ursache für die Entwicklung von Geist und Intelligenz. Durch Deinen Willen wird ein Lebewesen von Vergessen bedeckt oder entdeckt seine wirkliche Identität, wie es in der Bhagavad-gita im 15. Vers des Fünfzehnten Kapitels bestätigt wird: Der Herr weilt als die Cberseele im Herzen eines jeden Lebewesens, und nur aufgrund Seiner Anwesenheit vergisst ein Lebewesen seine Identität oder belebt sein ursprüngliches Bewusstsein. Wir können bis zu einem gewissen Maße verstehen, dass Du Dich in unseren Herzen als der Zeuge aller unserer Handlungen aufhältst, aber es ist sehr schwierig, Deine Abwesenheit richtig zu würdigen, denn wir sind uns dessen nicht immer vollständig bewusst. Du bist der höchste Gebieter über die materielle und die spirituelle Energie. Deshalb bist Du, obwohl Du von der kosmischen Manifestation verschieden bist, der höchste Kontrollierende auch der Vorgänge in der materiellen Natur. Du bist der Schöpfer, der Beobachter und die Substanz der kosmischen Manifestation. Deshalb bringen wir Dir unsere respektvollen Ehrerbietungen dar. O Herr, mit der Schöpfung der materiellen Manifestation hast Du direkt nichts zu tun; vielmehr kannst Du einfach, indem Du verschiedene Energien die Erscheinungsweise der Reinheit, die der Leidenschaft und die der Unwissenheit - erzeugst, die gesamte Manifestation erschaffen, erhalten und vernichten. Einfach durch Deinen Blick über die materielle Energie kannst Du, der Gebieter über die Zeit, die Universen erschaffen und die verschiedenen Kräfte der materiellen Natur ins Dasein rufen, die auf verschiedene Weise in den unterschiedlichen Wesen wirken. Niemand kann begreifen, auf welche Weise Dein Wille in dieser Welt geschieht. Lieber Herr, obwohl Du Dich in drei Haupt-Gottheiten des Universums erweiterst, nämlich in Brahma zur Schöpfung, Visnu zur Erhaltung und Siva zur Zerstörung, ist Deine besondere Erscheinung als Visnu für alle lebenden Geschöpfe die wirklich segenbringende. Denn es wird für diejenigen, die bereits voller Glück sind und die nach der höchsten Reinheit streben, die Verehrung Deiner gütigen Erscheinung als Sri Visnu empfohlen.
O Herr, demütig bringen wir Dir unsere Gebete dar. Du weißt, was es für uns bedeutet, dass diese arme Schlange nun ihren Körper aufgibt. Du weißt, dass wir Frauen von unseren Ehemännern abhängig sind; deshalb flehen wir Dich an, Kaliya, unserem Ehemann, gütigerweise zu verzeihen, denn wenn diese Schlange stirbt, geraten wir in große Schwierigkeiten. Um unseretwillen, bitte, vergib dem armseligen Frevler! O Herr, jedes lebende Geschöpf stammt von Dir ab, und Du erhältst es wie der Vater sein Kind. Ebenso ist es mit Kaliya, und deshalb wirst Du ihm gewiss vergeben, der Dich zweifellos nur so schwer beleidigte, weil er die absolute Natur Deiner Kräfte nicht kannte. Wir bitten Dich also, ihm für dieses eine Mal noch zu vergeben. O Herr, Du weißt, dass wir jeglichen Dienst, den Du von uns erwartest, mit Liebe für Dich tun werden, weil wir die ewigen Diener Deiner Herrlichkeit sind. Du kannst uns befehlen und von uns verlangen, was immer Dir beliebt. Ein Lebewesen kann von jeglicher Verzweiflung frei werden, wenn es bereit ist, stets Deinen Anweisungen zu folgen."
Nachdem Sri Krishna lächelnd die Gebete der Nagapatnis angehört hatte, erlöste Er Kaliya von seiner Strafe. Kaliya war durch die Tritte des Herrn bewusstlos geworden, doch als die Strafe von ihm genommen war, erlangte er gleichzeitig mit seinem Bewusstsein seine volle Lebenskraft und die Lebendigkeit seiner Sinne zurück. Mit gefalteten Händen begann auch er, demütig zum Höchsten Herrn Sri Krishna zu beten: "Mein lieber Herr, ich bin in einer solch abscheulichen Lebensform geboren worden, in der ich von Natur aus niederträchtig und bösartig bin, da ich mich in diesem Körper in finsterster Unwissenheit befinde. Du weißt sehr gut, O Höchster Herr, dass es sehr schwierig ist, die triebhaften Instinkte aufzugeben, obwohl das Lebewesen durch solche Triebe gezwungen ist, von einem Körper zum andern zu wandern." Auch in der Bhagavad-gita wird bestätigt, dass es äußerst schwierig ist, der Gewalt der materiellen Natur zu entkommen, dass aber die materielle Natur keine Macht mehr über den hat, der dem Höchsten Persönlichen Gott Sri Krishna hingegeben ist. Kaliya fuhr fort: "Lieber Herr, Du bist der Ursprung der Erscheinungsweisen der materiellen Natur, durch die dieses Universum geschaffen wird, und Du bist die letztliche Ursache für die verschiedenen Geisteshaltungen der Lebewesen, durch die sie ihre verschiedenen Körper erlangen. O Herr, ich bin als Schlange geboren worden, und deshalb bin ich aufgrund meiner niederen Instinkte von Natur aus bösartig. Wie sollte es mir also ohne Deine Barmherzigkeit möglich sein, diese Eigenschaften, die ich nun einmal habe, aufzugeben? Es ist sehr schwierig, der Gewalt mayas zu entkommen; denn da maya Deine Energie ist, kann sie uns für Ewigkeiten gefesselt halten. Deshalb, lieber Herr, vergib mir bitte gütigerweise meine unvermeidbaren materiellen Neigungen. Nun kannst Du mich ganz nach Deinem Belieben bestrafen oder erlösen."
Nachdem Er dieses Gebet gehört hatte, gab der Höchste Persönliche Gott in der Gestalt eines kleinen menschenähnlichen Kindes der Schlange folgenden Befehl: "Verlass augenblicklich diesen Ort und begib dich zum Ozean. Alle deine Kinder, deine Frauen und deine Besitztümer kannst du mit dir nehmen, doch musst du dich jetzt ohne Verzögerung auf den Weg machen. Vergifte in Zukunft nie mehr das Wasser der Yamuna, denn es soll für die Kühe und Kuhhirtenjungen ohne Gefahr zu trinken sein." Der Herr sagte darauf, dass der Befehl, den Er der Kaliya-Schlange erteilt habe, von jedem gehört und weitergesagt werden solle, damit sich niemand mehr vor Kaliya zu fürchten brauche. Jeder, der diese Erzählung von der Schlange Kaliya und ihrer Bestrafung vernimmt, wird nicht mehr die Bösartigkeiten der Schlangen zu fürchten brauchen. Der Herr erklärte auch: "Wenn jemand im Kaliya-See badet, wo einst Ich und Meine Kuhhirtenfreunde gebadet haben, oder wer, nachdem er für einen Tag gefastet hat, den Vorvätern von diesem Wasser opfert, wird von allen Reaktionen auf sündhaftes Tun frei." Der Herr versicherte Kaliya außerdem: »Du kamst hierher, weil du dich vor Garuda fürchtetest, als er zu deinem paradiesischen Eiland im Ozean kam, um dich zu fressen. Wenn Garuda aber die Markierung sieht, die Ich mit Meinen Lotosfüßen auf deinem Kopf hinterlassen habe, wird er dich nicht länger behelligen."
Und der Herr konnte mit Kaliya und seinen Frauen sehr zufrieden sein: Gleich nachdem sie Seinen Befehl vernommen hatten, begannen die Frauen Kaliyas, Ihn mit reichen Opfergaben wie schönen Gewändern, Blumengirlanden, Juwelen, Geschmeide, Sandelholzpasten, Lotosblüten und wohlschmeckenden Früchten zu verehren. Auf diese Weise verehrten sie den Herrn Garudas, vor dem sie sich so sehr gefürchtet hatten. Dann verließen sie dem Befehl Krishnas folgend die Yamuna.

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